Weihnachten

Als am Weihnachtsabend die Sonne am Horizont versank und sich Dunkelheit über die Lande legte, leuchteten in der Ferne noch die Fenster der kleinen Siedlung. Der Wind trug noch leise das Lied der Kirchenglocken bis an den Waldrand. Still und heimlich nahm die erste Schneeflocke ihren Weg vom Himmel hinab zum Erdboden.

Ganz in der Nähe des Waldes stand ein kleines Haus, kaum mehr als eine Hütte. Hier lebte die alte Anna, die, so erzählte man sich in der Siedlung, schon länger hier lebte als jeder andere in der Gegend. Die Erwachsenen hielten ihre Kinder fern von der alten Frau, denn sie glaubten, sie sei ein wenig verrückt. Jedem, der es hören wollte erzählte sie, sie könne mit den Tieren des Waldes sprechen und diese könnten ihr sogar antworten. Aus diesem Grund verbrachte sie das Weihnachtsfest seit vielen Jahren allein in ihrer kleinen Hütte.

Ganz ihren eigenen Traditionen zufolge, ging die alte Anna auf ihren Stock gestützt am Abend in den Wald. Eingehüllt in ihre dickste Jacke und einen weichen Schal machte sie sich auf, den Weg zu gehen, den sie in jedem Jahr aufs Neue einschlug. Auf dem Kopf trug sie eine Fellmütze, die zwar alt, doch immer noch gut zu gebrauchen war. Da sie in ihrem hohen Alter nicht mehr richtig hören konnte, bemerkte sie gar nicht, dass ihr die kleine Maria folgte. Maria war vor wenigen Wochen in das neu gegründete Waisenhaus der Stadt gezogen und hatte es sich zur Aufgabe gemacht, ihren Betreuern so oft es ging zu entwischen. Der Weihnachtsabend bildete da keine Ausnahme. Neugierig, wie sie von Natur aus war, hatte sie die alte Frau in den Wald gehen sehen, und wollte nur zu gern wissen, was zwischen den vielen Bäumen es wert war, die Wärme und Geborgenheit des Hauses um diese Zeit noch zu verlassen.

Die Bäume rückten schnell dichter zusammen, der kleine Pfad wurde immer schmaler bis kaum noch etwas von ihm zu sehen war und bald kamen nur noch einzelne Strahlen des Mondes auf dem Boden an. Doch die alte Anna kümmerte sich nicht darum, sie wusste genau wohin sie ging. Der kleinen Maria, die ihr noch immer fest entschlossen folgte, fiel es aber bald sehr schwer den Weg vor sich zu erkennen. Sie stolperte über Wurzeln und schlug sich sogar bei einem Sturz die Knie auf. Mehr als einmal fragte sie sich, wieso sie überhaupt hinterher gelaufen war. Doch jetzt gab auch für sie kein Zurück mehr, denn alleine hätte sie den Weg zur Siedlung kaum gefunden. Als Maria gerade schon überlegte, ob sie nicht doch alleine den Weg zurück fände, lichtete sich der Pfad vor ihr wieder und sie folgte der alten Anna auf eine große Lichtung mitten in dem dunklen, kalten Wald. Der Mond erleuchtete sie hell und der Schnee bedeckte so langsam die ersten Grashalme. Die Flocken schienen im Licht des Mondes zu glitzern und verliehen der Szene so einen fast schon andächtigen Ton. Die alte Anna bahnte sich ihren Weg, den Stock noch immer in der Hand, hin zu einem umgestürzten Baumstamm auf dem sie sich seufzend niederließ. Dann, als hätte sie schon lange von ihrer kleinen Verfolgerin gewusst, sah sie Maria direkt ins Gesicht, klopfte leicht auf den Platz neben sich und lud das kleine Mädchen so ein, sich zu setzen. Vorsichtig näherte sich Maria und ließ sich nach kurzem Überlegen ebenfalls auf dem Baumstamm nieder. Es erschien ihr wie ein Frevel in die Stille zu sprechen, doch sie konnte nicht an sich halten: „Was tun wir hier?“

Mit großen Kinderaugen sah sie zur der alten Frau auf, aber diese legte sich nur den Finger an die Lippen und Maria schwieg. Eine ganze Weile saßen die beiden so da und beobachteten, wie der Schnee stärker zu fallen begann und so schon bald kein Gras mehr zu sehen war.

Eine kleine Bewegung am Rande der Lichtung erregte Marias Aufmerksamkeit. Es war ein Hase, der langsam zum Mittelpunkt des Kreises hoppelte. Das kleine Mädchen bemerkte ein leichtes Lächeln auf dem Gesicht ihrer Begleiterin, fast als habe diese den späten Besuch erwartet. Und es blieb auch nicht bei dem Hasen. Nur wenig später lief ein Fuchs an den beiden vorbei und legte sich friedlich neben dem Hasen in den Schnee. Voller Faszination beobachtete Maria, wie kurz darauf ein Reh auf die Lichtung trat, dicht gefolgt von einem majestätisch anmutenden Hirsch. In nur wenigen Minuten kamen alle Arten von Tieren, die man sich nur vorstellen konnte aus dem Wald und auf die Lichtung. Doch bei all der Schönheit und all der Friedlichkeit, die die Szene ausstrahlte, vermochte Maria nicht die Augen von dem Hirsch zu nehmen. Dieser durchquerte anmutig die Lichtung; die anderen Tiere des Waldes schienen im sogar Platz zu machen. Maria stockte der Atem, als sich das Tier vor der alten Anna verbeugte. Diese streckte die Hand aus, und legte sie ihm auf die Stirn, streichelte sein samtweiches Fell und murmelte, wie zu sich selbst: „Hallo, mein Freund. Ich möchte dir jemanden vorstellen.“ Sie blickte Maria an. Dem Mädchen stockte der Atem, doch vorsichtig streckte auch sie die Hand nach dem Hirsch aus. Ein wenig ängstlich, doch voller Freude stellte sie fest, dass sie ihn ebenso leicht berühren konnte, wie zuvor die alte Anna. Strahlend blickte sie auf.
„Es ist wunderschön!“

Sie saßen so eine Weile beisammen. Das Mädchen, die alte Frau, und alle Tiere des Waldes. Einträchtig und gemeinsam, in andächtiger Stille. Erst als der Morgen graute, stand die alte Anna auf, strich dem Hirsch ein letztes Mal über sein glänzendes Fell, murmelte ein kurzes „Auf Wiedersehen“ und begab sich auf den Heimweg. Maria musste sich beeilen ihr zu folgen, doch es fiel ihr unendlich schwer, den Blick von den friedlich zusammen sitzenden Tieren abzuwenden. So etwas hatte sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen.

Schweigend erreichten beide den Waldrand und die Hütte der alten Anna. Bevor diese ins Warme trat, drehte sie sich noch einmal um: „Am Weihnachtsabend ist alles möglich. Dann hören wir sogar die Tiere sprechen.“

Maria musste lächeln. Ihr war ein Geschenk zuteil geworden, das wusste sie nun. „Danke!“ sagte sie „Und Frohe Weihnachten.“